So wie Paula Modersohn-Becker (1876–1907) künstlerisch zwischen zwei Generationen arbeitete, lebte sie geistig und topographisch in zwei ebenso grundverschiedenen Welten. Beeindruckt von den stimmungsvollen Bildern der Künstlerkolonie Worpswede, siedelte sie nach Abschluss ihres Berliner Malstudiums 1898 in das abgeschiedene Dorf in der Nähe von Bremen über. Unter dem Eindruck des Worpsweder Naturlyrismus entstanden ihre ersten Landschaftsbilder. Anstatt jedoch wie ihre Künstlerkollegen einen Landschaftsausschnitt möglichst naturgetreu zu malen, dachte Modersohn-Becker zunächst lange über die Komposition des Bildes nach. Erst nachdem Ausschnitt, Form und Farbe festgelegt waren, ging sie an die Staffelei. In Deutschland fand sie für ihre unkonventionelle und zukunftsweisende Malerei keine Strukturen: Künstler wie Kirchner, Beckmann, Klee, Marc oder Kandinsky waren noch nicht bei ihrem eigenständigen, revolutionären Werk angelangt, außerdem fehlten wirksame Förderer, Händler oder Sammler.

Vorbilder und künstlerische Freiheit fand Paula Modersohn-Becker in Paris, wo sie in mehreren Studienaufenthalten ihre eigene Malweise entwickelte und schärfte. Beeindruckt war sie hier von den damals modernsten, teilweise noch unbekannten Malern, darunter Cézanne und Matisse, die sie als zukunftsweisend erkannte. Besondere und fremde Bildmittel sowie noch nicht zuvor gesehene Farb- und Formkonstellationen gaben ihr Anregung. Unter dem Eindruck ihrer zahlreichen Atelier-, Galerie- und Museumsbesuche betrieb sie ihre eigene Forschung und entwickelte auf experimentellem Weg eine spezifische Bildsprache und damit eigene Ikonographie.

Die Ausstellung Paula Modersohn-Becker. Der Weg in die Moderne im Bucerius Kunst Forum macht deutlich, wie die Künstlerin alltägliche Motive aus ihrer Umgebung in Worpswede nutzte, um diese, von Klischees befreit, ihrem eigenen Modernitätsbegriff unterzuordnen. Ihren oftmals wiederkehrenden Motiven, darunter Kinder und Frauen, Selbstbildnisse, Stillleben und Landschaften, entzog sie alles Heimatliche, alle schmückenden Details und alles Genrehafte, um eine vereinfachte, allgemeingültige Formensprache zu finden. Charakteristisch hierfür sind beispielsweise die Portraits von Kindern, denen sie durch Herausnahme aus dem Alltag, jenseits ihrer Individualität und ihrer äußeren Erscheinung, eine besondere Erhabenheit verlieh. Zur Entfremdung des Vertrauten schematisierte Modersohn-Becker Gesichtszüge bis ins Maskenhafte. Die Ausstellung präsentiert hierfür beispielhaft ein Selbstportrait der Künstlerin, das diese durch einen Abklatsch mit Zeitungspapier vervielfältigte und weiterbearbeitete, bevor sie es ein weiteres Mal auf die Rückseite eines Briefs kopierte. Von den Gesichtszügen blieben hier nur halbtransparente Masken, ihrer individuellen Gesichtszüge weitestgehend beraubt und distanziert von ihrem detailreichen Ursprung. Diese drei erstmals gemeinsam gezeigten Werke führen die besondere methodische Arbeitsweise der Künstlerin vor Augen und geben gleichzeitig einen Hinweis auf Paula Modersohn-Beckers Hinwendung zur Abstraktion in ihren letzten Werken.

Die von Prof. Dr. Uwe M. Schneede kuratierte Ausstellung entsteht in Kooperation mit der Paula-Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen.

Der Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Franz Wilhelm Kaiser, Kathrin Baumstark und Uwe M. Schneede, mit Beiträgen von Kathrin Baumstark, Simone Ewald, Karin Schick, Frank Schmidt, Uwe M. Schneede und Rainer Stamm, erscheint im Hirmer Verlag, München (193 Seiten mit farbigen Abbildungen aller ausgestellten Werke, 29 € im Bucerius Kunst Forum).

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Öffnungszeiten

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Eintrittspreise

Normal: € 9,–
Ermäßigt: € 6,–
Montags Einheitspreis: € 6,–
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Eintritt frei   mehr