Chorgemeinschaft Neubeuern (Pressefoto)
Chorgemeinschaft Neubeuern (Pressefoto)

Haydns Jahreszeiten – Gesang hui, Hörner pfui

Der Einmarsch des Chores erscheint fast endlos. Am Ende steht er in fünf mächtigen Reihen auf der Bühne, in Trachtenkleidung. Die Chorgemeinschaft Neubeuern gilt als einer der besten Laienchöre Europas und trat bereits auf allen bedeutenden Klassik-Festivals und vielen der großen Bühnen der Welt auf – nun singt sie in ganz großer Besetzung erstmals in der Elbphilharmonie.

Für Enoch zu Guttenberg, dem Gründer und künstlerischen Leiter des Ensembles soll der Chor kein gesichtsloser Klangkörper sein, sondern stimmgewaltiger Stellvertreter des Menschen. Er soll die Angst herausschreien, hadern, bitten und Gott preisen. Und dieser Chor ist tatsächlich ein Chor aus Menschen. Ein Chor einfacher Menschen, die als Menschen singen. Und das machen sie vorzüglich.Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano wirkt anfangs noch etwas konfus, klingt oft zu unspritzig. Das bessert sich bald. Die Instrumentalisten spielen sich auf der Bühne ein, kommen besser in Schwung und musizieren straffer. Das klingt recht gut – bis das Blech erklingt. Definitiv richtig, stimmig und stark ist der Einsatz des Hammerklaviers.

Absolut überzeugend gibt Raphael Alpermann mit diesem Instrument den Herzschlag und den Geist der Musik vor. Was dann beim Einsatz der historischen Blechblasinstrumente passiert, ist dann aber doch sehr verstörend. Bei den Posaunen mit ihren kurzen Einsätzen ist das noch gut erträglich – bei den Hörnern nicht. Die so genannten „Inventionshörner“ ertönen so unglaublich schief, dass anspruchsvollere Hörer öfter zusammenzucken. Diese historischen Hörner fabrizieren die hässlichsten und falschesten Töne, die die Elbphilharmonie je zu hören bekam. Dabei sind die Musiker zu bedauern. Nicht umsonst wird die historische Aufführungspraxis normalerweise von extra darauf spezialisierten Orchestern gelebt. Das kann man, zumindest bei den Blechblasinstrumenten, nicht einfach mal so auf Knopfdruck.

Chorgemeinschaft Neubeuern (Pressefoto)
Chorgemeinschaft Neubeuern (Pressefoto)

Und dann gibt es noch einen Kritikpunkt an Teilen des Philharmonischen Orchesters Hamburg: Das Orchester gibt zehn Philharmonische Konzerte pro Jahr auf der Bühne der Elbphilharmonie, jeweils in zwei Aufführungen. Ansonsten ist der normale Arbeitsplatz des Orchesters im Graben der Staatsoper Hamburg. Dort sieht man die Musiker nicht. Im schönen Rund des Großen Saals der Elbphilharmonie sieht man sie von jedem Platz aus. Und seltsamerweise verhielten sich an diesem Montagabend einige von ihnen so, als säßen sie weiterhin unbeobachtet im Orchestergraben. Insbesondere einige ältere Herren in der letzten Reihe fielen negativ auf. Wenn sie an ihrem Instrument eine Weile nicht gebraucht wurden, lümmelten sie häufiger gelangweilt auf ihren Stühlen herum. Vielleicht ist es diesen Musikern einfach nicht bewusst – dann muss es ihnen jemand sagen. Kollegen oder der Dirigent wären eigentlich in der Pflicht. Georg Zeppenfeld als Bass klingt meist sehr schön, in tiefen und auch mittleren und höheren Lagen. Doch fehlt es ihm an diesem Abend etwas an Leichtigkeit und Natürlichkeit. Er wirkt etwas zu angestrengt beim Singen.

Im letzten Teil des Abends ist seine Stimme am festesten, am wärmsten, am dichtesten. Der Bass Zeppenfeld zaubert ein sehr starkes Finale hervor, das Spaß macht und ergreift. Julian Prégardien singt herrlich klangschön, mit viel Schmelz und auch mal mit berührender Verletzlichkeit. Seine Stimme ist aber etwas eng, auch er hat etwas Probleme mit längeren Tönen. Insgesamt ist das ein sehr guter Auftritt. Und dann die Sopranistin Marie-Sophie Pollak: Die 29-Jährige sprang sehr kurzfristig für die erkrankte Christina Gansch ein und erobert die Elbphilharmonie im Sturm. Mit großer Ausdauer und bewundernswerter Souveränität in allen Lagen singt sie sich in die Herzen des Publikums. Ihre Stimme ist unglaublich klar, glockenhell und auch kraftvoll. Sie wirft gleißende Lichtstrahlen in den Saal und scheint als Sopranistin alles zu können, ist ganz allein schon das Eintrittsgeld wert. Von dieser jungen Dame wird noch zu hören sein. Hoffentlich noch oft auf den Bühnen Hamburgs! Übrigens: Sie sieht auch noch fantastisch aus!        

Sebastian Koik, für klassik-begeistert.de

 

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