Avantgardistische Musiksprache weckt Sehnsucht nach mehr Italien

Italien, das ist Oper! Zu demonstrieren, dass Italien auch eine sinfonische Tradition hat und selbige wachzurufen, hat sich das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung des argentinischen Dirigenten Alejo Pérez zum Ziel gesetzt – beim Philharmonischen Konzert am Sonntagmittag in der Elbphilharmonie direkt am Hamburger Hafen.

Gegen Rossini und Bellini, Verdi und Puccini kämen die Altmeister wie Vivaldi, Albinoni und Corelli nicht an, heißt es im Programm. Auf dem Plan stehen heute aber nicht besagte Altmeister des Barock, sondern Komponisten des 19. Und 20. Jahrhunderts. Auch ohne Puccini kommt dieses Programm nicht aus.

Das Konzert beginnt aber mit einem Anachronismus: Luciano Berios Sinfonia (Uraufführung 1968), ein Klassiker der Moderne. Berios Komposition löst ein, was man von moderner Sinfonik erwartet: Es gibt einen opulenten Orchesterapparat etwa wie bei Gustav Mahler mitsamt Piano, Orgel, reichlich Schlagwerk, auch acht Sängerinnen und Sänger der Neuen Vocalsolisten Stuttgart sind mit von der Partie.

Der Höreindruck ist freilich ein ganz anderer als bei Mahler. Das Orchester tönt jenseits von Harmonie und Melodie. Die Sänger entpuppen sich als Rezitatoren eines bis zur Unkenntlichkeit verschwurbelten Librettos, eines Flickenteppichs aus Phonemen. Der zweite Satz hingegen eine nicht enden wollende Klage, die zaghaft von Klavierklängen touchiert wird.

Der dritte Satz gleicht schließlich einem schablonenhaft collagenartigen Wust – ein Klangchaos in etwa so, als würden die Spieler unterschiedliche Stücke auf unterschiedlichen Instrumenten üben. Der Satz ist gespickt mit musikalischen Zitaten. Wie ein roter Faden zieht sich das Scherzo aus Mahlers zweiter Sinfonie hindurch, während die Sänger – so scheint es – in sämtlichen europäischen Zungen quasseln. Fazit: Reizüberflutung für das Publikum, purer Stress für das Orchester und seinen Dirigenten. Berios Sinfonia erfüllt ihren Zweck.

Zwischendrin wischt sich Alejo Pérez hastig den Schweiß von der Stirn. Trotzdem spornt der argentinische Dirigent das Philharmonische Staatsorchester zu dynamischen Höhepunkten an, als wolle er das unablässige Gebrabbel einfach niedertönen. Einmal droht das Tempo kurz ins Trudeln zu geraten, aber Pérez bleibt cool, die Spieler konzentriert. Insgesamt gelingt das sinfonische Wagnis hervorragend. Wie man dieses Werk auch auffassen möchte, als Stilexperiment der Avantgarde, als bissiger Kommentar zur Geschichte der Sinfonik oder als Hommage an Gustav Mahler; angesichts der vielfältigen Hörerlebnisse lässt sich der Gesamteindruck kaum auf einen Nenner bringen. Auch wenn man sich irgendwann an die merkwürdige Musiksprache gewöhnt hat, sehnt man sich nach über einer halben Stunde Klangcollage doch nach etwas Milde und Entspannung, eben nach etwas mehr Italianità.

Die zweite Hälfte dürfte dem Geschmack des Opernpublikums mehr entgegenkommen, wenngleich hier niemand mehr singt. Temperament, Feuer und Passione, all das vereint eine Studienabschlussarbeit Giacomo Puccinis, sein Capriccio sinfonico. Die dramatisch wirbelnden Pauken und energisch tremolierenden Streicher lassen große Opernszenen vor dem inneren Auge der Zuhörer entstehen, nicht nur, weil im zweiten Abschnitt die Musik der Eingangsszene aus La Bohème zu hören ist.

Stellenweise fallen die Holzbläser etwas unangenehm mit einer unsauberen Intonation auf. Das Philharmonische Staatsorchester unter Alejo Pérez spielt im Laufe des Satzes aber immer aufgeweckter. Die Crescendi geraten groß und organisch. Leider schmälert ein unpräziser Einsatz hier und da ihre Wirkung.

Die vielleicht spannendste und buchstäblich merkwürdigste Komposition des Abends ist Ferruccio Busonis Berceuse élégiaque. Das Orchester ist deutlich ausgedünnt, ein intimer Klang entsteht; getragen von Streichern und Holzbläsern, umrahmt von Harfe und Celesta. Man vergisst sich selbst in dem scheinbar ziellosen Dahintreiben, der stetig gleichförmigen, einlullenden Melodik dieses „Wiegenlieds“.

Das Konzert beschließt Ottorino Respighis farbenreiche musikalische Malerei Pini di Roma (Pinien von Rom). Mal heiter quietschig überdreht, mal duster misterioso gravitätisch, zeichnet sich diese sinfonische Dichtung durch krasse Szenen und Charakterwechsel aus. Höhepunkt ist der dritte Satz, der eine Vollmondnacht in Rom illustrieren soll. Die träumerische Melodie wandert zwischen Solo-Klarinette und Streichern und erklingt zuletzt auch in der Harfe.

Am Schluss der Komposition steht ein immenses Finale, das, noch bevor der letzte Akkord gänzlich verklungen ist, vom Publikum mit schallendem Applaus und Bravorufen quittiert wird.

Leon Battran

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