BUCHTIPP

„Mit dem Stock in der Hand hobst du dich auf die Knie, rutschtest bis an den Schwan heran und begannst mit dem spitzen Ende ins Eis zu hacken. Krack. Krack. Krack. Ich wusste, dass es richtig war. Nicht vernünftig, aber richtig. Sagte nichts. Hielt ebenso regungslos aus wie das Tier, es fauchte nicht mehr, zuckte nicht mehr. Krack, krack, krack, hacktest du ruhig und entschlossen. Das Eis splitterte nicht, bekam nicht mal einen Riss. Krack, krack. Das Eis hielt. Der Schwanenhals gab nach. Langsam, wie in Zeitlupe neigte er sich zur Seite, in deine Richtung, und du legtest vorsichtig deine Hand auf die weißen Federn. Ich konnte mich nicht rühren, den Blick nicht von deinen roten Fingern abwenden, die sich sachte über das Gefieder bewegten. Jetzt ist er tot, sagtest Du irgendwann. Ich habe es genau gesehen. Den Moment, in dem es passiert ist. Als der Tod kam.“„Lieber Amundsen, Scott ist tot. Melde dich, Wilson.“

 

Als Hanna, Forschungsleiterin einer Antarktisexpedition, diese Email von ihrem Bruder Jan bekommt, gerät ihre Welt ins Wanken: plötzlich ist die Erinnung zurück an längst vergangene Tage, an ihre Kindheit und Jugendzeit, die sie zusammen mit ihrem Bruder Jan und ihrer Freundin Fido verbracht hat. Früher spielten sie mit Leidenschaft die Abenteuer der ersten Antarktis-Entdecker nach – Hanna war Amundsen, Jan war Wilson, und Fido war Scott. Doch gerade, als sie zu ihrer gemeinsamen Studienzeit nach Hamburg aufbrechen wollten, war Fido verschwunden, ohne ein Wort. Hanna wurde Forscherin; nun steht sie mit ihrem Team in der Antarktis, um einen dreihundert Meter langen Eiskern zu bohren. Nicht nur die Konfrontation mit der Vergangenheit bringt Hanna ins Schwanken; auch die Tatsache, dass sich das Wetter drastisch verschlechtert und die Expedition erfolglos enden lassen könnte, machen ihr Probleme. Die Spannungen im Team und die Wetterlage verschärfen sich… „Whitout“ ist ein eloquenter Tanz der Gegenwart mit der Vergangenheit in der Szenerie des ewigen Eises; die Antarktis ein perfekter Ort, von dem man nicht flüchten kann und sich der Konfrontation stellen muss. Trotz des lauten Sturms der Gegenwart und den Ohrfeigen der Vergangenheit ist „Whiteout“ ein leises, sanftes Buch, das durch seine sprachliche Tiefe besticht. n  AF

 

„Whiteout“ von Anne von Canal wurde am 29. August 2017

im mareverlag veröffentlicht.

192 Seiten | gebunden | 20 Euro