„Dora und der Minotaurus“ von Slavenka Drakulić ist im September 2016 im Aufbau Verlag erschienen. Hardcover, 236 Seiten, 19,95 Euro
„Dora und der Minotaurus“ von Slavenka Drakulić ist im September 2016 im Aufbau Verlag erschienen. Hardcover, 236 Seiten, 19,95 Euro

Buchtipp 

„Langsam streifte ich einen der mit rosa Blümchen verzierten Handschuhe ab, die ich trug, um einen möglichst bizarren Eindruck zu machen. Picasso beobachtete mich fasziniert. Dann nahm ich ein Messer in die bloße Hand, und das Spiel, das mir Jacques Prévert beigebracht hatte, begann. Ich war schnell, aber nicht geübt genug, und es kam vor, dass die Messerspitze einen Finger streifte und den Handschuh, den ich an der anderen Hand anbehalten hatte, mit Blut befleckte. (…) Er wandte sich auf Französisch an mich und bat mich, ihm meinen blutbefleckten Handschuh zu schenken. Als hätte ich mich darauf vorbereitet, erfüllte ich sogleich theatralisch seinen Wunsch. Nehmen Sie auch meine Hand, antwortete ich ihm auf Spanisch, ich ergebe mich Ihnen. Tenga mi mano, me entrego a Ud.“

Henriette Theodora Markovitch, bekannt als Dora Maar, wurde 1907 geboren. Aufgewachsen in Buenos Aires und Paris, macht sie Karriere als Fotografin. Sie gehört zur Avantgarde; umgeben von schillernden Persönlichkeiten wie George Bataille, André Breton, Brassai und Man Ray beginnt sie eine Liaison mit dem schon damals berühmten Picasso. Picasso ist verheiratet, hat eine junge Geliebte, mit der er ein Kind hat, und er beginnt ebenfalls eine Beziehung mit Dora Maar. Was für die unnahbare Dora als Machtspiel begann, endet für sie als Liebesdrama. Für Picasso ist die Kunst der Mittelpunkt seines Lebens; alle anderen und alles andere gruppiert sich um ihn herum. Dora tut das, was sie an anderen Frauen verachtet: Sie vernachlässigt ihren Beruf, sie verliert ihre Selbstachtung, sie gibt sich auf, um von Picasso geliebt zu werden.

Als sie schließlich mit einem schweren Nervenzusammenbruch im Krankenhaus landet und mit Elektroschocks behandelt wird, schließt sie mit dem Leben ab: Sie zieht sich zurück und stirbt 1997 vereinsamt in Paris.

„Dora und der Minotaurus“ basiert auf Dora Maars Aufzeichnungen, die sie zwischen 1958 und 1959 angefertigt hat. Sie sind handgeschrieben, mit lila Tinte, und befinden sich in privatem Besitz. Der wohl unvollendete Text bietet einen intimen Einblick in die Persönlichkeiten sowohl von Dora Maar als auch von Pablo Picasso, in eine Welt, die sich im Umbruch – im Krieg – befindet, in eine Welt der Maler, Schriftsteller und Fotografen, die die Pariser Künstlerszene prägten. Das Buch ist vor allem eines: eine erschütternde und ergreifende Geschichte einer Frau, die über die Liebe ihres Lebens nicht hinweggekommen ist und über diese stürzte. Ein Buch, das nahegeht in seiner Offenheit und Härte, mit der Dora Maar mit Picasso, aber vor allem mit sich selbst ins Gericht geht.