Editorial

Ich habe im Moment ein Problem und ich weiß nicht, ob es ein generelles gesellschaftliches Phänomen ist, oder mehr mit einer Beteiligungskultur zusammenhängt, in der nur noch gefordert wird, ohne sich auch nur einen Moment mit der Realität an sich oder mit Sachzwängen zu beschäftigen. Konstruktive Kritik und Diskurs sind aus der Mode gekommen. Besonders extrem fällt es in Sachen Stadtplanung auf, da pustet jeder seine Ideen in den Raum, ohne einmal ernsthaft nachgedacht zu haben, selbst Experten – aus welchen unerfindlichen Gründen auch immer – schlagen sich auf die Seite vollkommen utopischer Ideen. Da wird die ganze Stadt mit gemütlichen Cafés und Restaurants gepflastert, Büros großflächig zu Wohnungen umgestaltet, der Autoverkehr zugunsten von mehr Parkplätzen, Gehwegen oder Radwegen – je nach Gusto – umgestaltet oder tausende kleine lustige Läden geplant. Aber keiner kann die Frage beantworten, woher denn die vielen Menschen mit genügend Zeit und Geld kommen sollen, die all diese belebenden Einrichtungen am Leben erhalten sollen. Die gleichen Aktivisten fordern dann einen Volksentscheid, um das Wachstum Hamburgs zu unterbinden, ohne sich darüber Gedanken zu machen, dass das sowieso nicht steuerbar ist und wenn, wieder die Menschen fehlen würden, die all die schönen Cafés beleben. Ganz oben in meiner Liste der Traumtänzer steht der Funktionär des Hamburger Sportbundes, der gleich drei Fullsize-Fußballfelder für die HafenCity forderte, weil angeblich ein Drittel der Bewohner Fußball in Liga-Mannschaften spielen wollten, aber ohne einen Blick auf die Landkarte zu verschwenden – wozu auch, lästige Realitäten behindern nur. Dabei würden schon eine Schere und ein paar maßstabsgerechte Schnitte reichen, um auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. Natürlich meine ich nicht – politisch korrekt – , dass auf Beteiligung verzichtet werden soll, es sollten sich aber alle Beteiligten um ein wenig Bodenhaftung bemühen, um das an sich sinnvolle Instrument zu keiner Comedy-Show verkommen zu lassen.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Ihr Michael Baden