Editorial

Die Vorweihnachtszeit war der Albtraum der Lieferdienste – nicht nur in der HafenCity. Endlose Karawanen an Lieferwagen von DHL, DPD, UPS, Rewe und Sonstigen zogen durch die Straßen und luden ihre Last in den Haushalten ab, gestresste Fahrer schoben Doppelschichten. Am anderen Ende des Spektrums sind ebenfalls eine ganze Reihe von Menschen gestresst, der gesamte Einzelhandel, ganz besonders auch in der HafenCity, steht wie jedes Jahr vor der Frage,  wieviel Anteil das Internet dieses Jahr dem stationären Handel abgegraben hat. Und natürlich ist der Verbraucher schuld, dass schon wieder mehr bestellt als eingekauft wurde. Dabei gehören immer zwei zum Elend, was man besonders schön in der HafenCity betrachten kann. Dieser Stadtteil ist zugegebenermaßen kein einfaches Pflaster: Anspruchsvolle Einwohner, die meisten in anspruchsvollen Jobs beschäftigt, die zum Einkaufen nicht viel Zeit und die für Ärger mit inkompetenten und unfreundlichen Servicepersonal gar nichts übrig haben. Wenn es nicht klappt, gibt es mit Glück einen zweiten, aber bestimmt keinen dritten Versuch.

Und die Ansprüche sind hoch, manchmal höher, als es sich betriebswirtschaftlich für die Einzelhändler abbilden lässt, was man besonders im Bereich der Grundversorgung sehen kann. Noch lange nicht reicht die Zahl der festen Einwohner für eine ausreichende Umschlagshäufigkeit für immer frische Ware in den Märkten, die zwangsläufige Folge: Reduzierung des Angebotes, kaum noch frische Ware, nachlässiges frustriertes Personal und Kunden, die sich zweimal überlegen, ob sie sich nicht doch ins Frischeparadies aufmachen, der Rindermarkthalle oder Perfetto einen Besuch abstatten oder gar zur Notwehr einen Lieferdienst beauftragen – oder eben Essen gehen. Wie die böse Realität alle Wünsche torpediert kann man so ganz nebenbei beim Bio-Wochenmarkt beobachten: Anfänglicher Euphorie ist – wie so häufig in der HafenCity – spätere Depression gewichen, den Dauerstreit zwischen den Anbietern und den ortsansässigen Händlern gab es sowieso schon als kostenlose Zugabe. Wem es schlecht geht, der ist eben leicht reizbar, obwohl es dem eigenen Umsatz sicherlich schadet.

 

Viel Vergnügen beim Lesen!

Ihr Michael Baden