Würfelhusten und Klinker?

Würfelhusten und Klinker?

Kritik von Architektur und Stadtentwicklung ohne klare Maßstäbe

Till Briegleb  („Ohne Klinker geht es nicht“, 19. Februar 2009) Die Hafencity am Hamburger Sandtor- und Grasbrookhafen ein „Remake des frühen 20. Jahrhunderts“? Ohne Klinker geht es nicht? Oh doch, aber dann muss man erst einmal genau hinschauen, seine fixe Idee über Bord werfen, die Neubauten der Hafencity seien vor allem eine Replik auf Fritz Schumachers Klinkerarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts. Man wird dann auf den 11-stöckigen ovalen Wohnturm mit einem dazugehörigen Büro- und Ladenkomplex am Kaiserkai 20-22 stoßen (Architekt: Ingenhoven). Das Oval tanzt buchstäblich aus der Reihe. Klinker? Fehlanzeige! Gleich nebenan hat das Büro des angeblichen Kritikers der Hafencity Teherani ein weiteres Gebäude zum Komplex am Sandtorhafen beigesteuert. Fünf Stockwerke, Wohnungen, Ladenschafte. Schneeweiß. Klinker? Gegenüber das Wohnhaus einer Baugenossenschaft (Am Kaiserkai 29). Mit schönem Kalkstein des Oberen Jura aus dem Steinbruch Dietfurt im Altmühltal verblendet. Klinker?

Ein weiteres Beispiel für Klinker

Ein weiteres Beispiel für Klinker

Und es gibt weitere Beispiele. Gut wäre es, wenn Till Briegleb zum einen die Grundlage seiner Beobachtungen verbreitern würde. Und zum anderen, wenn er Art und Herkunft seiner Standards, an denen er das Erscheinungsbild der neuen Bauten in der Hafencity misst, klarer und geschlossener zum Ausdruck brächte. Sich nur kleiner Kritikbrocken anderer Beobachter zu bedienen, ist wenig überzeugend. Immerhin: Am Ende kommt die Hafencity mit ihrer Baudichte und Kleinteiligkeit ja dann doch ganz gut weg, als Fortsetzung einer „konservativen europäischen Stadtentwicklungsidee“. Dass sich darin dann eine „Sehnsucht nach Gewöhnlichkeit“, ein „Hang zum vernünftigen Mittelmaß“, eine „merkwürdige Liebe zum Kitsch“ der Planer und Bewohner ausdrückt, erfindet Briegleb bestimmt nicht einfach so, sondern wird es gründlich recherchiert haben. Auf dieser Grundlage ruhen dann wohl auch pauschalierende Urteile über „die Mentalität der Nutzer“, deren Vielfalt er gerade zuvor beschrieben hat. Bitte: Ein bisschen mehr Differenzierung in der Beobachtung, und das Offenlegen von Kriterien wäre auch zu wünschen. Wir bräuchten eine derartig fundierte Kritik ja.

Prof. Dr. Heiner Dürr
Am Kaiserkai 29
20457 Hamburg

Anm.d.Hrsgb.:Der Leserbrief wurde gekürzt in der Süddeutschen Zeitung vom 24.2.2009 gedruckt