Der Markt, die Architektur und das Überseequartier-Süd

 

Ein interessantes Podium und volles Haus in der Patriotischen Gesellschaft
Ein interessantes Podium und volles Haus in der Patriotischen Gesellschaft

Wer heutzutage ein großes Bauprojekt plant, hat es nicht leicht. Kaum hat sich das kritische Auge der Öffentlichkeit auf das Thema gerichtet, werden von der Makro- bis zur Mikroebene von Experten und selbsternannten Fachleuten mehr Haare in der Suppe gefunden, als auf den Kopf des Projektentwicklers passen, sei es bei öffentlichen oder bei privat finanzierten Projekten.

Das muss jetzt auch Unibail-Rodamco erleben, der französisch-holländische Investor, der das Überseequartier Süd in die seit Jahren schmerzhaft sichtbare Baugrube setzen will. Bei einer Podiumsdiskussion in der Patriotischen Gesellschaft am 17. Juli zeigte es sich einmal mehr wie schwer es fällt, die einzelnen Ebenen der Diskussion zu sortieren. Versucht man sich auf die Meta-Ebene zu beschränken, bleibt eine Frage übrig: Braucht Hamburg ein weiteres Shopping-Areal? Zudem in dieser Größe? Drei der Podiums-Experten beantworteten die Frage eindeutig mit nein, darunter der renommierte Architekt und Stadtplaner Volkwin Marg sowie als Vertreter des Trägerverbundes Innenstadt Heinrich Grüter. Bei der Argumentation der Gegner schwingt erkennbar die Angst um eine Verödung der jetzigen Innenstadt mit, wenn durch die Konkurrenz an der Wasserkante Kaufkraft abgezogen wird – der Handel hat es auch jetzt schon schwer genug, im Wettbewerb mit dem Internet zu bestehen. Gefeilscht wird dabei um die Größe des Einkaufsareals, rund 80.000 Quadratmeter sollen es werden. Es müssten doch auch die Hälfte bis ein Drittel dieser Fläche für die Nahversorgung der HafenCity reichen, sagen die Kritiker. Michael Hartung von Unibail, Dirk Kienscherf von der SPD und Dieter Polkowski als Planer halten dagegen und führen Mindestgrößen für ein betriebswirtschaftlich erfolgreiches Einkaufszentrum ins Feld.

Sieht man sich die Zahlen an, hat die klassische Innenstadt sowieso schon verloren. Sind doch deren ausgewiesene Verkaufsflächen,  2009 waren es rund 308.000 Quadratmeter, nur vier mal so groß wie die des geplanten Einkaufsparadieses in der HafenCity. Hätte das neue Überseequartier nur die Hälfte der bisher geplanten Shoppingflächen, sähe das aus Sicht der Innenstadt schon sehr viel freundlicher aus. Diese Überlegungen lassen allerdings die zusätzlichen rund 300.000 Quadratmeter Gewerbeflächen außer Acht, die in der restlichen HafenCity bereits existieren oder noch in Planung sind. Die Konkurrenz zur Innenstadt ist also schon längst da, denn die HafenCity ist nicht etwa die oft postulierte Erweiterung der Innenstadt, sondern eine Stadt für sich. Schon jetzt wird mit wachsendem Erfolg Kaufkraft aus der Innenstadt abgezogen und dank utopischer Mieten in den herkömmlichen 1A-Lagen hat bereits eine Wanderung der Händler in Richtung Elbufer begonnen. Die spannende Frage für die Zukunft wird sein, ob und wie all diese Flächen trotz weiterhin wachsendem Internethandel mit Leben gefüllt werden können. Bestimmender Faktor wird dabei ein Querschnitt aus Miethöhe, räumlicher Attraktivität und den Konzepten sein, die singuläre Produkte erfolgreich vor Ort vermarkten. Es ist, unabhängig von der Größe des Überseequartiers, nur eine Frage der Zeit, bis die vielfältige Kleinteiligkeit und räumliche Attraktion der HafenCity der Innenstadt in ihrer jetzigen Form den Rang ablaufen wird – sofern sich die Gewerbemieten am Wasser weiterhin in auskömmlichen Regionen bewegen.