Buchtipp: Ernest van der Kwast „Fünf Viertelstunden bis zum Meer“

 

„ […] Ezio blickte auf, tastete mit seinen hellen Augen die Brandung des Adriatischen Meeres ab. Und dann sah er sie zum ersten Mal, doch seine Augen begriffen nicht, was sie sahen. Mehr als eine Minute verging, bevor er sagte: ‚Ich sehe einen Nabel.‘ Von seinem Bruder kam nur: ‚Ich auch.‘

In der Brandung stand Giovanna Berlucchi.“

 

Ein heißer Sommertag im Juli 1945 am Strand von San Cataldo: Die Brüder Ezio und Alberto liegen im Sand und beobachten die Mädchen. Auf einmal taucht aus den Fluten eine junge Italienerin auf und zwar – entgegen der gängigen Mode – in einem Zweiteiler. Bikinis gab es damals noch nicht, und die Jungs sind überrascht. Ezio verliebt sich sofort in die schöne Giovanna, deren Familie aus sechs Frauen und einem unterdrückten Vater besteht. Ständig gibt es Streit, und bei einem Streit um den einzigen Badeanzug wird dieser von den zankenden Schwestern in zwei Stücke gerissen; und so entstand der erste Bikini, den man am Strand von San Cataldo gesehen hat.

 

Auf die Heiratsanträge, die Ezio Giovanna macht, geht diese nicht ein. Voller Schmach zieht Ezio vom Süden in den Norden Italiens und arbeitet fortan als Apfelpflücker. Er bleibt allein.

 

Über sechs Jahrzehnte später trifft ein Brief bei ihm ein:

„[…] Ich habe diesen Brief zig Mal geschrieben, vielleicht sogar hundert Mal. Ich konnte ihn nicht abschicken. Die Worte, die Du liest, sind alt und zerbrechlich. Die Tinte ist deutlich zu sehen, meine Handschrift unverändert, aber die Buchstaben kommen von tief unten. Sie haben in meiner Brust festgesteckt, ich brachte sie nicht über die Lippen, und später, als sie endlich auf dem Papier standen, habe ich sie durchgestrichen und Kleckse aus Ihnen gemacht. Ich habe so oft versucht, Dir nicht zu schreiben. Die Sehnsucht hat gewonnen […].“

 

Auch Giovanna konnte Ezio nicht vergessen, ihr Leben verlief jedoch gänzlich anders. Kann es nach 60 Jahren einen Neuanfang geben?

 

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ umfasst nur 96 Seiten, doch innerhalb dieser wenigen Seiten schafft es Ernest van der Kwast, eine große Liebe, die über sechs Jahrzehnte andauert, wunderbar romantisch und melancholisch darzustellen. Subtil beschreibt der Autor die gemeinsamen Aufenthalte der Liebenden am Strand im Jahre 1945, die unterschiedlichen Lebenswege der beiden Protagonisten und ihre unerfüllte Sehnsucht. Kann solch eine Liebe im Geiste so viele Jahre überdauern? Sie kann. Und sogar noch viel länger.

 

„Fünf Viertelstunden bis zum Meer“ von Ernest van der Kwast ist im mare verlag am 10. Februar 2015 erschienen.

18 Euro