Antje-Friederike Herbst, Hans-Jörg Simon und Pamela Wilczek von HHL (Foto: MK)
Antje-Friederike Herbst, Hans-Jörg Simon und Pamela Wilczek von HHL (Foto: MK)
Eine Kapitänin in der HafenCity

Das Gute daran, in der HafenCity eine Zeitung zu machen, ist, dass man eigentlich täglich neue interessante Menschen kennenlernen kann. Zum einen hat man viele Nachbarn mit interessanten Lebensläufen, zum anderen begegnet man immer wieder spannenden Zeitgenossen in irgendwelchen Zusammenhängen, geschäftlich oder privat. Ungewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen, die Geschichten zu erzählen haben, die sich stark von denen unterscheiden, die normalerweise zu hören sind. Stoff für Bücher und Spielfilme, gefundenes Fressen für jeden Autor. Einer dieser Menschen ist Antje-Friederike Herbst. Sie arbeitet als Kapitän für einen Neuzugang in der HafenCity, der Reederei Hansa Heavy Lift. Ein weiblicher Kapitän ist immer noch ein ungewöhnliches Bild in der männerdominierten Welt der Ozeanriesen, in Herbsts Spezialgebiet noch viel mehr. Anders als auf den großen Containerschiffen muss im Schwergut und Projektgeschäft auch der Kapitän mal mit anpacken, und die Zielhäfen können auch mal in wirklich unwirtlichen Gegenden liegen. Das Antje-Friederike Herbst zurzeit in der HafenCity arbeitet, ist ein ungewöhnlicher Zufall.

Die HHL Hamburg mit schwerer Deckslast (Foto: HHL)
Die HHL Hamburg mit schwerer Deckslast (Foto: HHL)
Normalerweise komme sie nur zum Briefing oder Debriefing in die Reederei, kurze Übergabe und dann wieder aufs Schiff, sagt sie. Jetzt ist sie aber tatsächlich für mehrere Wochen im Büro. Das erste Mal in ihrem Leben längere Büroarbeit, es geht um die Planungen für einen großen Auftrag ihrer Reederei. Acht Monate im Jahr verbringt die Hannoveranerin auf dem Schiff, vier Monate an Land – und sie liebt dieses Leben. Die Zeit in der HafenCity finde sie aber auch interessant, sagt sie, endlich gäbe es mal Zeit, sich mit den Kollegen an Land ausführlich zu unterhalten und die Arbeit des anderen besser kennenzulernen. Und – auch etwas, an das sie nicht gewöhnt ist – sie arbeitet mit weiblichen Kollegen zusammen. Auf den Schiffen hat sie überwiegend mit ukrainischen Mannschaften zu tun, die Offiziere sind bei Hansa Heavy Lift aber durchaus deutsch. Nur Frauen sind im Moment die große Ausnahme, und man begegnet sich meist nicht auf Augenhöhe. Es gibt inzwischen regelmäßig weibliche Trainees und Junior Officer an Bord, doch die notwendige Disziplin und Hierarchie an Bord erlauben keine Verbrüderungen zwischen den Dienstgraden.

 

Aber die Zahl weiblicher Besatzungsmitglieder wächst. Inzwischen ist immerhin jeder fünfte Absolvent nautischer Hochschulen weiblich, und es gibt mehr als zehn deutsche weibliche Kapitäne auf großer Fahrt. Herbst ist über ein ziemlich HafenCity-typisches Thema zur Seefahrt gekommen. Als gelernte Tischlerin bekam sie einen Auftrag auf einem Traditionssegler – die ganze Geschichte geht natürlich länger –, verfiel der Seefahrt und heuerte auf dem Segler an. Nach einigen Jahren in unterschiedlichen Positionen endete sie schließlich als Steuerfrau auf einem niederländischen Traditionssegler und begann ein Nautik-Studium in Warnemünde. Vor acht Jahren bekam sie ihr Kapitänspatent und ist seit dem auf den Weltmeeren unterwegs. Wer sie sich jetzt in schmucker Uniform und Kapitänsmütze vorstellt, täuscht sich zumindest teilweise. Eine Mütze trage sie nie und Uniform nur beim Ein- und Auslaufen des Schiffes. Verblüffte Blicke ernte sie immer noch, wenn Lotsen und Hafenpersonal gewahr werden, dass sie einer Frau als Kapitän gegenüberstehen. Aber letztlich habe es zu jeder Zeit der Geschichte auch weibliche Kapitäne gegeben – offen oder in Verkleidung. Starten wird die nächste Tour aber nicht in Hamburg, sodass es noch eine Weile dauern wird, bis man sie auf der Brücke eines der markant roten Schiffe im Hamburger Hafen einlaufen sehen kann. Als Seemann verbringt man auch eine Menge Zeit in der Luft, denn zum jeweiligen Einsatzort wird man geflogen. Trotzdem, Augen auf und immer mal wieder einen Blick auf das Steinweg-Terminal geworfen – vielleicht hat man ja doch mal Glück und kann einen Blick auf ein rotes Schiff mit sympathischer weiblicher Führung werfen.