Die HafenCity Zeitung im Gespräch mit Professor Jürgen Bruns-Berentelg, Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH (HCH) über die städtebauliche Sicht auf den Schulcampus am Lohsepark, die Formulierung von Interessen und über den sozialen Respekt für einen Gedenkort.   

 

Herr Bruns-Berentelg, derzeit bewegen die Fragen rund um den Bau der weiterführenden Schule am Lohsepark viele Akteure in der HafenCity. Können Sie sagen, wann die Entscheidung getroffen wurde,  auf dem Baufeld  77 nicht nur eine Schule sondern auch ein Wohngebäude zu planen?

Ursprünglich waren an dieser Stelle der Bau einer weiterführenden Schule und einer Grundschule vorgesehen. 2013 haben wir mit der BSW die Weiterentwicklung des Bebauungsplans HafenCity 10 angehalten, da zu dem Zeitpunkt auf der östlichen Seite des Lohseparks kein klares Planungsbild gegeben war. Das Schulgrundstück haben wir planerisch vorgehalten. Für uns galt immer die Prämisse, dass der Bau einer Schule auf dieser Fläche Vorrang hat. Deshalb war die Fläche in der Plandarstellung auch nie aufgeteilt. Auf den möglicherweise verbleibenden Flächen sollte – wie in der HafenCity üblich – eine Mischnutzung geplant werden und dazu gehört „Wohnen“, da wo es realisiert werden kann. In der Zwischenzeit wurden Festlegungen getroffen: Der Bau der zweiten Grundschule in der HafenCity erfolgt im Baakenhafen,  Gruner + Jahr verlegt seine Unternehmenszentrale an den Lohsepark und die Schulbehörde beschloss den Bau einer 7-zügigen weiterführenden Schule, einer sogenannten Clusterschule. Offen war nun die Frage, ob und welche Mischnutzung realisiert werden kann.  Diese Überlegung ist vor Beginn der Phase Null für die weiterführende Schule entstanden. Mir ist nicht klar, ob zu diesem Zeitpunkt auch die städtebaulichen Fragen oder ausschließlich pädagogische Themen diskutiert wurden oder ob daher eine „Wahrnehmungslücke“ entstanden ist. Schon frühzeitig vor dem Wettbewerb haben uns Fragen aus dem Kreis der Mitglieder der heutigen Initiative Schulcampus erreicht, ob auf der Fläche auch „Wohnen“ geplant sei. Wir haben aus dieser Ergänzungsnutzung „Wohnen“, ohne jemals eine Größe vorzugeben oder zu fordern,  nie ein Geheimnis gemacht.

 

Der Wettbewerb zum städtebaulichen Gutachterverfahren wurde doch in ihrem Hause formuliert. Dort steht nichts von „Wohnen“…

Das ist nicht richtig. Der Auslober war der Landesbetrieb Schulbau (SBH) im Auftrag der Hamburger Schulbehörde. Die HCH ist in diesem Verfahren wie bei allen Vorhaben in der HafenCity als Grundstückseigentümer  ebenso eingebunden, wie die Behörde als Planrechtgeber. Außerdem ist „Wohnen“ ausdrücklich integriert, jedoch nicht mit einer Flächenvorgabe.

 

Hat die SBH denn bei Ihnen nicht nachgefragt, wie groß die Fläche ist, die zur Verfügung steht?

Der Auslobung gingen ein üblicher Abstimmungsprozess der Behörden und der Einbezug der Ergebnisse der Phase 0 voraus. Daran beteiligt waren die Schulbehörde und die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) sowie SBH und wir. Aus dieser Abstimmung gingen keine Vorgaben bezüglich des Grundstücks-Flächenbedarfs der Schulnutzungen (für die Schule war eine Gesamt-BGF vorgeben) innerhalb des Baufeldes hervor. Die städtebaulichen Entwerfer wurden aufgefordert zu prüfen, ob und an welcher Stelle auch „Wohnen“ entstehen könne.

 

Worauf führen Sie zurück, dass die Verantwortung für diesen Planungsprozess anders wahrgenommen wird?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vor der öffentlichen Diskussion und Beschwerdebriefen z.B. an den Schulsenator hat man das Gespräch mit mir nicht gesucht. Für die HCH steht die Frage im Vordergrund, wie eine gut funktionierende und gut gestaltete Schule entsteht und wie man eine städtebauliche Qualität in der HafenCity erzeugt. Wir sehen uns in der Tradition des Hamburger Schulbaus, der seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts viele architektonisch anspruchsvolle gute urbane Schulbauten hervorgebracht hat. In der HafenCity muss ein Schulgebäude in die urbane Umgebung eingebettet werden. Das schließt eine Schule im Interesse der Schüler ausdrücklich ein. Es gab zu keinem Zeitpunkt, anders als unterstellt, von der HCH oder der Finanzbehörde, wirtschaftliche Ertragsforderungen – aber es gibt einen Wohnungsbedarf.

 

Können Sie schon sagen, welchen Anteil die sozialen Nutzungen, wie Sportplätze, KITAs und Schulen sowie Unis an der Gesamtfläche haben werden, wenn die HafenCity fertig gestellt ist?

In der HafenCity haben wir gemischte Nutzungen. Hier vermischt sich „das Soziale mit dem Physischen“. Das ist auch richtig so. Ich teile z.B. die Auffassung der Initiative, dass Nachbarschaftsthemen sich in der Schule widerspiegeln sollen. Die Katharinenschule ist dafür ein gutes Beispiel. Ich finde es schade, dass man die Tatsache, dass Sportler nicht jederzeit in die Erdgeschossnutzungen kommen, weil z.B. der Hausmeister Feierabend hat, als Konstruktionsfehler bewertet. Ich glaube, dass man diese organisatorischen Probleme durchaus durch ein „Schlüsselmanagement“ bewältigen könnte. Ich bin davon überzeugt, dass der rechtzeitige Bau der Katharinenschule maßgeblich für die Entscheidung vieler junger Familien war, in den Stadtteil zu ziehen. Und dazu gab es einen umfangreichen Beteiligungsprozess, der dokumentiert ist. Quantitativ lässt sich die Frage daher weder räumlich noch zeitlich präzise beschreiben.

 

Können Sie die Enttäuschung der Familien nachvollziehen, die wegen der Aussicht auf den Bau der weiterführenden Schule hierherzogen und deren Kinder nun an anderen weiterführenden Schulen angemeldet werden müssen?

Nein, denn die vielen Schulbauaufgaben, die Hamburg hat, haben dazu geführt, dass die Schulbehörde andere Standorte zu Recht mit einer höheren Priorität versehen hat. Der Schulbau in der HafenCity orientiert sich am zeitlichen Bedarf. Die Clusterschule in der HafenCity wäre nicht einmal ansatzweise mit Schülern aus der HafenCity ausgelastet. Mit der Schulbehörde sind wir uns daher einig, dass die zweite Grundschule zuerst gebaut wird. Und auch die wird am Anfang nicht ausgelastet sein. Daher wird dort ab Sommer 2020 eine Beschulung für die Gymnasial- und Stadtteilschulschüler möglich sein.

 

Lassen Sie uns nochmal auf die Eckdaten der Planung zurückkommen. Gibt es ein Wettbewerbsergebnis und wie sieht das weitere Vorgehen aus?

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns das Verfahren vergegenwärtigen. Es gab eine Phase 0, die aus unserem Haus von Herrn Dr. Menzl begleitet wurde und an der auch Eltern und weitere Anwohner beteiligt waren. Darauf folgte die bereits dargestellte behördliche Abstimmung. Diese berücksichtigte die Ergebnisse der Phase 0, soweit diese städtebauliche Gesichtspunkte berührten.  Die dann der Jury, von den teilnehmenden Städtebaubüros vorgelegten Pläne sind keine Endergebnisse. Da es immer  Überarbeitungsbedarf gibt, werden diese in diesem Stadium auch nicht veröffentlicht. Das ist auch hier der Fall. Es gab keinen Beitrag, der alle Aspekte zufriedenstellend bewältigt hat.  Der Überarbeitungsbedarf ist einstimmig und ausdrücklich von der Jury am Ende der Sitzung begründet worden.

 

Die Frage nach der Zeitschiene, d.h. was kommt, wann als Nächstes, ist damit noch nicht beantwortet. Warum wurden die weiteren Schritte und Terminpläne nicht öffentlich kommuniziert? Ist das eine Besonderheit des Verfahrens?

Bei städtebaulichen Wettbewerben ist es ganz normal, dass nicht sofort eine 100%ig überzeugende Lösung vorgelegt wird. Hier werden dann weitere Vorgaben an den Entwerfer notwendig, zurückhaltend „Überarbeitungshinweise“ genannt. Z.B. hat die SBH mit der Schulbehörde im Anschluss weitere Vorgaben gemacht. Unter anderem soll eine Pausenhoffläche von 4.000 QM ebenerdig realisiert werden.

 

Also 4.000 QM ebenerdig und 3.500 QM auf dem Dach?

… 4.000 QM ebenerdige Schulhoffläche hat die Schulbehörde als Erwartung formuliert. Darüber hinaus soll u.a.  eine bessere Lösung für die Fahrrad-Stellplätze, die Gestaltung der Beziehung zum Gedenkort, eine Verlagerung der Tiefgarageneinfahrt zur Verkehrsreduzierung auf der Straße Am Hannoverschen Bahnhof und ein besserer Lärmschutz erarbeitet werden.

 

Nach der Präsentation des überarbeiten Wettbewerbs geht es dann direkt in die Diskussion über den Bebauungsplan. Oder?

Nein. Es werden zunächst die Rahmenbedingungen für die Architektenwettbewerbe abgesteckt.  Dafür wird der überarbeitete städtebauliche Plan für die Schule eine vorläufige Grundlage. Beim B-Plan HC 10 geht es aber nicht nur um die Planung des Schulstandortes sondern auch um den südöstlich anschließenden Bau von Gruner+ Jahr, den Wohnungsbau und eines Hotels im östlichen Anschluss. Somit geht es für den B-Plan um ein Stück Stadt.

 

Eine vielfältige Nutzung  mit vielen Aspekten und noch mehr Diskussionen im Plangebiet…

Ich glaube, dass wir die Aufgaben  in den nächsten drei Monaten bewältigen werden. Die letzten Detail-Abstimmungen im Rahmen des B-Plans erfolgen dann innerhalb der Grundstücksgrenzen und voraussichtlich im Zeitraum eines Jahres.

 

Ist der Zeitplan realistisch? Stefanie von Berg, die Fachsprecherin für den Bereich Schule der Fraktion Die Grünen hat den Eltern zugesagt, dass sie sich für den Schulstandort eine weitere Phase 0 vor der B-Plan Diskussion einsetzt und Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit will diesen Vorschlag unterstützen…

Die Überlegungen aus der Phase 0 haben noch Bestand. Zielführender ist es, wenn man mit dem Netzwerk und mit Eltern den Entwurf für die Auslobung des Architektenwettbewerbs anhand konkreter Fragen diskutiert, etwa, welche Räume für die Nachbarschaft im Erdgeschoss liegen müssen. Dann ist das Verständnis, für das, was man in die Auslobungsunterlagen schreiben kann, größer.

 

Wann wird der Schulcampus fertiggestellt sein?

2022 ist vorgesehen und möglich. Wenn man erst einmal einen solchen Entwurf für die Auslobung des Hochbau-Wettbewerbs fertiggestellt hat, kann man diesen bis zu 2 Monate intensiv diskutieren.  

 

Die Eltern schauen aber nicht aus einer architektonischen Sicht drauf…

Ja, aber genau das ist das Problem. Z. Zt. machen sich einige Eltern sehr abstrakte Gedanken über vieles. Es geht aber darum, wie eine urbane Schule geplant und gebaut werden muss, damit dort guter Unterricht stattfinden kann und die Schüler sich wohlfühlen. Diese Frage lässt sich nur anhand des Entwurfs der Auslobung des Wettbewerbs bei dem Architekten und Freiraumplaner zusammenarbeiten ausreichend bestimmen. Nicht dadurch, dass Eltern den Gedenkort umplanen.

 

Gehört es nicht genau zu so einem Verfahren, dass die Teilnehmer jeweils aus ihrer Sicht Forderungen stellen, diese diskutieren und am Ende ein Ergebnis steht, das breit getragen wird?

Es ist wichtig konkret zu diskutieren. Die Frage muss lauten „was müssen die Architekten für eine gute Schule leisten?“. Das muss mit Eltern aber auch mit den fachlich Beteiligten und der Politik bestimmt werden. Wir haben gemeinsam die Aufgabe, den Auslobungstext zu formulieren und die Chance z.B. nachbarschaftliche Anforderungen zu integrieren. Wir sprechen beim Schulcampus von einer strategischen Entscheidung. Es geht um die größte Schule, die Hamburg auf absehbare Zeit bauen wird und es sind Schülergenerationen, für die die Schule passen muss, nicht nur für die Kinder, die jetzt in der HafenCity leben

 

Ist bei den unterschiedlichen Verfahren die Befürchtung der Eltern nicht gerechtfertigt, dass man den richtigen Zeitpunkt verpasst, sich in die Meinungsbildung einzubringen?

Gerade bei so einem Projekt versuchen wir größtmögliche Transparenz zu schaffen. Dazu gehört aber auch, dass diejenigen die Befürchtungen oder Ängste haben, diese zeitgerecht uns gegenüber artikulieren und mit uns das Gespräch suchen. Wir haben uns für die Beteiligung von Eltern und dem Netzwerk HafenCity stark gemacht. HafenCity-Bewohner waren beim städtebaulichen Wettbewerb dabei. Offene Fragen muss man dann diskutieren.

 

Ist nicht genau das seitens der Initiative Schulcampus versucht worden?

Ich bin von dem Schriftwechsel mit den Bürgerschaftsabgeordneten oder dem Schulsenator von der Initiative nicht informiert worden. Auch auf meine Bitte hin, mir eine Kopie des Schreibens an den Schulsenator zur Verfügung zu stellen, habe ich zunächst keine Reaktion bekommen. Das Gespräch wurde erst später gesucht.

 

Zu den Forderungen aus dem 5-Punkte Plan den die Initiative den Bürgerschaftsabgeordneten vorgestellt hat,  gehört auch die angemessene Integration des Gedenkorts in das Flächenkonzept und in die Beziehung zum Schulcampus. Wie ist Ihre Ansicht dazu?

Diese Forderung berührt mich zutiefst. Meine Kollegen und ich, die Kulturbehörde, die Planer haben 12 Jahre lang mit den Betroffenenverbänden gearbeitet. Es war nie ein Thema, dass sich Schüler in den Pausen unbeaufsichtigt am Gedenkort aufhalten. Ich halte dieses für fundamental falsch und das habe ich der Initiative gegenüber auch so gesagt. Ich sehe auch keine pädagogische Begründung für eine direkte Öffnung des Gedenkortes in Richtung Schule über eine Sichtbeziehung hinaus. Vielmehr stellt sich an dieser Stelle die Frage des sozialen Respekts vor dem Ort und gegenüber den gedenkenden Besuchern. Er muss auch ein „Rückzugsort“ bleiben können. Über die Treppe in der Mitte der Straße haben Lehrer und Schüler einen sehr kurzen angemessenen Zugang.  Ich habe große Sorgen, dass sonst ein Ort entsteht, der im sozialen Bewusstsein nicht den Respekt bekommt, den er verdient. Eine neue Entscheidung über den sozialen Charakter des Gedenkorts kann die Elterninitiative nicht sinnvoll fordern.

 

Aus den Gesprächen mit der Initiative Schulcampus und Vertretern des Netzwerkes sowie aus diesem Gespräch entsteht der Eindruck, dass es ein großes Kommunikationsproblem zwischen der HCH und den Eltern gibt…

Die jetzige Situation lässt sich nicht auf mangelnde Kommunikation reduzieren. Lassen Sie es mich so beschreiben: das Netzwerk HafenCity , das bisher unser Hauptansprechpartner war, hat im wachsenden Stadtteil nicht mehr die Integrationskraft alle Themen zu repräsentieren. Es gibt zunehmend „Special-Interest-Groups“, die das Ganze nur bedingt im Blick haben. Wenn die Initiative Schulcampus jetzt Forderungen stellt über das Thema Schule hinaus, dann darf sie die lange Partizipationsarbeit mit anderen  nicht ignorieren. Und es ist eine Frage der Haltung, wie im Konfliktfall miteinander umgegangen wird. Spricht man zuerst miteinander oder spricht man übereinander? Spricht man zuerst mit der Politik, weil man sich für die eigene Sichtweise mehr Durchschlagskraft erhofft? Ich wünschte mir, die Beteiligten würden anerkennen, dass wir mit fundiertem Fachwissen immer eine Gesamtentwicklungsperspektive für eine gute HafenCity verfolgen.

 

Herr Bruns-Berentelg, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Conceicao Feist. Das gesamte Interview finden Sie auf www.hafencitynews.de.