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Editorial

Realpolitik ist schon hart, kaum hat man etwas versprochen, hat man sich schon versprochen und das, was man gestern gesagt hat, ist schon heute Makulatur. Das ist nicht nur in der großen Politik so – siehe den GPAZ, den größten Präsidenten aller Zeiten, und Putin – das ist auch im Kleinen so. Da wird plötzlich die Fläche eines geplanten Mega-Schulcampus halbiert, hier ein Stockwerk – oder auch ein paar mehr – aufgestockt, da mischt sich die UNESCO in ein Abrissprojekt ein, ja und dann ist da noch der Wasserfenchel. Im Zeitalter universeller, allumfassender Empörung und Transparenz findet jedes dieser Ereignisse schnell seine Kommentatoren und Kritiker, subjektive Wahrnehmung und Infoblasen bestimmen die öffentliche Diskussion, jeder fühlt sich berufen seine Meinung heraus zu posaunen, berechtigte und konstruktive Kritik geht im allgemeinen Krakeelen schnell unter. Im Weltgeschehen regt sich die westliche Öffentlichkeit über die Aussetzer des amerikanischen Präsidenten auf, in Russland wird derweil die mit der WM mal schnell durchgewinkte Erhöhung des Renteneintrittsalters heiß diskutiert und in Hamburg konzentriert man sich auf Bauprojekte. Nichts geht ohne Grundsatzdiskussion, kaum ist ein Projekt angekündigt, finden sich auch die ersten Kritiker. Dabei ist das, was dabei als Entscheidung für die Ewigkeit empfunden – weil dann in Beton gegossen – immer schon auch ein flüchtiges Geschäft gewesen. Abreißen, Platz für Neues schaffen, gehörte schon immer zur Baukultur dazu, die Halbwertszeit mancher Gebäude ist inzwischen genauso lang wie deren Abschreibungszeit. Ist das jetzt gut oder schlecht? Weder noch, Veränderung gehört zum Leben, zum Fortschritt dazu, Fehler machen und im besten Fall daraus lernen im Übrigen auch. Manchem dieser Berufsaktivisten möchte man dann zurufen: Gibt es keine dringenderen Probleme, um die ihr euch kümmern solltet? Aber das verflixte an der heutigen Realität ist, dass sie immer komplizierter wird, und da steigen dann die meisten auf das um, was direkt vor ihrer Nase passiert.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Ihr Michael Baden