Editorial

Alltag in den Büros der Zeitungen: Das Telefon klingelt, die Werbeagentur XY ist am Telefon, man hätte doch gerade eine ganz tolle Pressemitteilung zu einem ganz besonderen Einkaufserlebnis, Jubiläum oder Angebot gesendet, das wäre doch ganz bestimmt etwas für die nächste Ausgabe und würde unsere Leser brennend interessieren. Unsere Antwort ist meist eher verhalten und unsere Motivation, uns ernsthaft mit dem ganz tollen Angebot auseinanderzusetzen, auch – denn wir kennen die Antwort aus dem folgenden Dialog schon in- und auswendig. Ob man sich denn vorstellen könnte Werbung zu schalten, schließlich geht es ja bei der Pressemitteilung um eine verdeckte Anzeige? Och, Nöö, unser Budget ist schon erschöpft für dieses Jahr, uns geht es ja auch nicht so gut, bei Facebook können wir es umsonst posten, die Ausreden sind meist kreativer als die eigentliche Pressemitteilung. Als Unternehmen, das wirtschaftlichen Zwängen unterliegt – und das sind Zeitungen auch – macht man sich in solchen Momenten so seine Gedanken: Wenn das auf Facebook so gut funktioniert, wieso ruft die Agentur uns dann an? Oder ist auch ihnen schon aufgefallen, dass von den – für teures Geld bei einer hippen Social Media Marketing Agentur besorgten – hunderttausend Followern keiner wirklich in der Nähe wohnt oder gar das Geld hat, um sich die Angebote leisten zu können? Print ist tot, hat aber dennoch keine Alternative, denn gedruckte Zeitungen bieten eine Struktur und sind Identifikationsmittel, etwas, dass das Internet inzwischen nicht mehr bieten kann. Eine Million Influenzer, Blogs und Social Media Portale buhlen ohne Regeln um die Gunst und Aufmerksamkeit des Users – Tendenz sich ständig verdoppelnd – und dieser hat keine Ahnung, welche Relevanz welche Information hat, denn eigentlich kann jeder Depp inzwischen Fotos vom Handy ins Internet laden –
Schreiben ist ja nicht mehr zwingend notwendig. Am Ende des Tages fragt man sich als Zeitungsmacher immer häufiger, ob man vielleicht mit der Heilsarmee verwechselt wird und man doch Mitleid mit den armen Werbeagenturen und deren Kunden haben sollte, die müssen ja schließlich Geld verdienen und für uns ist das nur ein Hobby.

 

Viel Vergnügen beim Lesen!

Ihr Michael Baden