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Editorial

Als Nordlicht kann man es kaum fassen – und so richtig umgehen kann man damit auch nicht: Gemeint ist der schier unendliche Sommer, der schon seit Monaten dafür sorgt, dass Jacken im Schrank bleiben, sich in den meisten Büros die Kleiderordnung komplett verabschiedet hat und sich das Leben mehr draußen als drinnen abspielt – denn in den Wohnungen und Büros ist es viel zu warm. Kaum irgendwo ist es klimatisiert und kühle Plätze sind und waren heißbegehrt. Es zeigt sich, dass die moderne Architektur in der Großstadt nur unzureichend auf den Klimawandel eingerichtet ist. Große Fensterflächen heizen die Wohnungen auf und bei Lufttemperaturen über 30 Grad hilft auch lüften nicht, es bleibt einfach warm. Der Absatz von Klimaanlagen und Klimageräten explodiert und nord- und mitteleuropäische Städte werden über kurz oder lang mit einem Phänomen konfrontiert werden, das Städte aus warmen Klimazonen schon kennen:

Die Außentemperatur in den urbanen Hitzeinseln steigt durch die Benutzung von Klimaanlagen. In einer Untersuchung der Arizona State University fand man heraus, dass dabei allein durch diesen Effekt in Phönix ein Grad zusätzlich zustande kommt, mal ganz abgesehen vom immensen Stromverbrauch, der dabei entsteht und seinen Teil zur Klimaerwärmung beiträgt – ein Teufelskreis. Man bekommt einen ganz neuen Blick auf nachhaltige Baukonzepte, die bei diesen Temperaturen teilweise schlicht versagen, da sie auf die Einsparung von Heizenergie ausgelegt sind und jetzt dafür sorgen, dass die Bewohner für viel investiertes Geld auf kleiner Flamme gar gekocht werden. Bei nachträglich gedämmten Altbauten ist es sowieso zweifelhaft, ob die Energiesparverordnung nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Wenn schon die Temperaturen südländisch sind, sollten wir uns hier auch ein wenig mehr südländische Gelassenheit aneignen – und das nicht nur im Sommer.