Architekt Jan Störmer über Gelungenes und Katastrophales in der HafenCity

Leidenschaft für Architektur und Städtebau scheint bei Jan Störmer in der Familie zu liegen: sein Vater war Architekt, der unter anderem die markante Alster-Schwimmhalle entworfen hat und auch sein Sohn übt den gleichen Beruf aus.

1942 in Berlin geboren, studierte Jan Störmer Architektur in Bremen, Hamburg, Delft und London und gründete 1970 die Hamburg Design GmbH für Architektur, Industrie und Graphik Design sowie zwei Jahre später mit drei Partnern die Architekten gruppe me di um, Hamburg. 1990 entstand in Zusammenschluss mit Will Alsop das Büro Alsop& Störmer Architects. Nachdem 2002 Holger Jaedicke und 2004 Martin Murphy Partner des Büros wurden, firmieren sie seit 2009 als Störmer Murphy and Partners. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Planung von Hotels sowie Büro- und Verwaltungsgebäuden. Das Hotel „The Fontenay“ an der Alster, das Quartier „Intelligent Quarters“ mit den Porzellan-Fassaden und das Holzhochhaus „Wildspitze“ in der HafenCity gehören zu den jüngsten Projekten.

 

Wie und mit wem Jan Störmer arbeitet, war immer geprägt von einem Entwicklungsprozess. Allen Bürokonstellationen der vergangenen Jahre ist eins gemein: „Ich bin mit allen Partnern immer in Freundschaft auseinander gegangen. Ich wollte meinen eigenen Weg nicht verlassen“, sagt Jan Störmer.

Störmers Weg ist bestimmt von Neugier und der ständigen Suche nach intelligenten, nachhaltigen Ideen und Strategien, von einem hohen Anspruch an Ästhetik, Funktionalität aber auch Wirtschaftlichkeit. Besonders die Materialien und wie diese sich in den Ort des Bauwerks einfügen, sind für Störmer von besonderer Bedeutung. Er hat eines der ersten Häuser der HafenCity, das Gebäude des Bankhauses Wölbern entworfen. Ihm war da schon klar, dass diese große städtebauliche Umstrukturierung mit einer immensen Verantwortung verbunden ist. Die Analyse des Ortes sollte der Maßstab für die Erweiterung des neuen Gebietes sein. „Ich suchte nach einer Sprache, die Material und Farbe der Speicherstadt aufnehmen konnte – rotgefärbter Beton. Das wurde dann aber ganz schnell konterkariert durch David Chipperfield, der auf die andere Seite des Sandtorhafenbeckens ein gelbes Bürohaus gesetzt hat“, so Störmer. Es sei im städtebaulichen Kontext wichtig, dass nicht jeder nur für sich denkt. So hätte man das auch in der HafenCity ganz zu Anfang machen müssen, glaubt Störmer, um einen auch auf die Materialien bezogenen städtebaulichen Konsens zu finden. „Das hätte ich mir damals gewünscht“. Damit meint Störmer nicht den großen Masterplan, der Ort und Höhe definiert. „Die Blöcke in der HafenCity sind ja gut“. Ihm geht es um die städtebauliche Ästhetik der Materialien. „Es sind nicht nur die Formen. Es ist die Haptik, das Optische, das Menschen aus der Straßenperspektive sehen. Wie erlebe ich ein Haus, eine Fassade? Für alle drei Gebäude des Quartiers „Intelligent Quarters“ in der HafenCity haben wir ganz bewusst weißes Porzellan als Fassadenmaterial gewählt. Die unmittelbare Umgebung hat mit der HCU, mit Schiffen, der Elbe, dem Maritimen zu tun.“

 

Der Ästhet Jan Störmer

Wichtig ist es Jan Störmer auch, nachhaltige Materialien einzusetzen. Es sei zum Beispiel viel zu wenig in der Öffentlichkeit bekannt, dass der für die Herstellung von Beton notwendige Sand weltweit nicht unbegrenzt verfügbar sein wird. In den Weltmeeren werde unverantwortlicher Raubbau zur Förderung von Sand betrieben. Neue Wege geht das Büro mit dem Holzhochhaus „Wildspitze“ im Baakenhafen. Beton wird hier nur für die Treppenkerne benötigt. „In der Welt ist das Bauen mit Holz kein Novum. In den Niederlanden, Großbritannien, Österreich, Kanada und Norwegen gibt es Holz-Hochhäuser die höher sind, als das hier in Hamburg geplante. In Deutschland ist das ein neuer Weg, den wir beschreiten.“

 

Generell hält Jan Störmer die HafenCity für gelungen und einen großen Beitrag im europäischen Städtebau. Mit Stolz führe er Geschäftspartner aus dem Ausland durch den Stadtteil. Aber er sieht auch die Schwächen. Dass jedes Haus am Dalmannkai seinen eigenen Backstein habe zum Beispiel und auch, dass am Lohsepark ein fast schwarzer Backstein verwendet wurde, stört Störmer. „Das wirkt so traurig. Material hat auch etwas mit Schönheit, mit Stimmung, mit Atmosphäre zu tun. Ich denke, hier ist eine Tristesse entstanden.“ Störmer ist gespannt, wie der städtebauliche Weg vom Spiegelgebäude aus u.a. mit dem Gruner & Jahr Gebäude am Lohsepark aussehen wird, und sieht Chancen im Erhalt der historischen Schuppen im Oberhafenquartier. „Der ehemalige Güterbahnhof ist ein so spannendes Kreativquartier. Er muss unbedingt erhalten bleiben – solche Orte gibt es in der HafenCity viel zu wenig.“

 

Doch nicht nur das Material spielt eine große Rolle. Auch wie sich Häuser unter verschiedenen Lichtverhältnissen darstellen und von den Menschen empfunden werden beschäftigt Störmer. Jedes Hochhaus sollte nach Störmers Auffassung in der Nacht beleuchtet sein. „Es muss nicht angestrahlt werden, sondern kann ganz subtile Lichtquellen haben. Wir sind nicht in New York mit seinem Lichterglanz, aber die Bürohäuser dürfen nachts nicht als dunkle Klötze dastehen, sondern müssen die Stadt freundlich und belebt machen.“ Das ist auch der Grund, warum Störmer um eine Nachtbeleuchtung für den Porzellan-Büroturm an der Überseeallee mit den Bauherren ECE und Strabag und dort bis zum allerhöchsten Vorstandsvorsitzenden gekämpft hat. Dem Hamburger Oberbaudirektor schlägt er vor, dass die Beleuchtung von hohen Bürohäusern in den Wettbewerben generell von Anfang an zum Konzept gehören sollte. Das Hotel The Fontenay an der Alster, auch eine Arbeit aus dem Büro Störmer Murphy and Partners, habe beispielsweise eine „Nachterscheinung“, wie Störmer die dezente Illumination des Hotels nennt. „Das macht ein Gebäude sympathisch und man hat keine Angst vor seiner Höhe“.

 

Begeistert ist Jan Störmer nach wie vor von der Elbphilharmonie. Er hatte sich damals mit fast allen Hamburger Architekten gemeinsam für die Idee von Alexander Gerard und den Entwurf der Schweizer Architekten Herzog de Meuron ausgesprochen, weil er davon überzeugt war, dass hier genau ins Schwarze getroffen worden ist. „Alle – bis auf einen – haben die Petition an den damaligen Bürgermeister Ole von Beust unterschrieben. Das fand ich eine tolle Aktion. Das ging soweit, dass man sogar das europäische Wettbewerbsrecht vernachlässigt hat.“ Als eine städtebauliche Katastrophe empfindet Störmer aber den viel zu kleinen Platz vor der Elbphilharmonie. Die beiden letzten Grundstücke vor dem Gebäude hätten nach seiner Auffassung nicht verkauft werden dürfen. „Eine jahrtausendalte architektonische Grundregel ist, dass so viel Raum vor einem öffentlichen Gebäude vorhanden sein sollte, dass man den Giebel des Hauses auf den Platz klappen könnte. Das weiß jeder Planer“, so Störmer.

 

Jan Störmer setzt sich in anderen Bauzusammenhängen immer wieder für die Beteiligung der Bürger an Planungsverfahren ein. Gerade laufe so ein Wettbewerbsverfahren, an dem er beteiligt ist, sehr erfolgreich in Oberbillwerder. Bürger bei der Planung des Elbtowers zu beteiligen, ein Hochhaus-Büroturm, der an den Elbbrücken stehen soll, hält Jan Störmer allerdings für schwierig. Jahrzehntelang hätten Hamburgs Oberbaudirektoren den Hamburgern erzählt, dass die Hansestadt keine Wolkenkratzer bekomme und nun sollten die Bürger plötzlich mitgenommen werden. Generell hätte er seine Schwierigkeiten mit Grundsatzentscheidungen für eine Gesellschaft, die durch Abstimmungen getroffen werden und er erwähnt dabei den Brexit.

 

Auf die Frage, wie Hamburg sich seiner Meinung nach weiter entwickle, denkt Störmer in erster Linie aber auch an den Erhalt von Gebäuden. Er hatte sich nicht nur aus architektonischen, sondern auch aus historischen Gründen für den Erhalt der City-Hochhäuser und des Deutschlandhauses am Gänsemarkt ausgesprochen. Störmer: „Das Selbstbewusstsein ist größer geworden, in dem Sinne, dass man stolz ist, dass diese Stadt eine wahnsinnige innere Power hat. Da fragt man sich, wo das eigentlich herkommt, wenn man mal an die Zukunft des Hafens denkt….man freut sich heute über ein „neues Kleid“, vergisst dabei ein bisschen die Geschichte. Hamburg ist Deutschlands Boomtown, das findet man gut, dieser Boom nährt sich selber. Die Frage ist aber auch, ob der Tourismus in Hamburg unser kulturelles Niveau runterdrückt. Davor hätte ich Angst, dass es nur noch Massentourismus mit Musicals usw. gibt. Zwar glaube ich, dass die Tourismus-Neugier zur Elbphilharmonie nachlassen wird, aber auch die Plaza wird Touristenmagnet bleiben.“

 

Auf die Frage, ob man in 100 Jahren über Jan Störmer sagen wird, dass er das Stadtbild Hamburgs maßgeblich geprägt hat, antwortet er: „Vielleicht über meinen Vater und mich. Mein Vater hat ja ein Highlight in Hamburg gesetzt, die Alster-Schwimmhalle und da freue ich mich immer wieder drüber. Wenn man zwei, drei Gebäude von mir in die nächsten 100 Jahre mitnimmt, wäre ich sehr glücklich.“ Große Fußstapfen für Jan Störmers Sohn.

 

Das Gespräch mit Jan Störmer führte Edda Teneyken

 

Fotos TEN und TH